Schachmatt

·

·

Von Ekke Karl


„Du musst das strategisch angehen“, sagte Didi der Schachspieler während der Mittagspause zu Bernheim. „Mach’s wie ich: Erst einen Überblick über die Gesamtsituation verschaffen. Hier, Macas zum Beispiel – das klassische Schachbrettmuster eines Kolonistenstädtchens, ringsum von Urwald umgeben.“ Bernheim sagte: „Geschenkt, weiß doch jeder, und dann?“ „Ihr macht den Fehler, dass ihr ziellos aufs Geratewohl durch die Straßen irrt. Mal lauft ihr diesem Rock nach, mal jenem. Dabei latscht ihr oft dieselbe Straße mehr als einmal rauf und runter und andere überhaupt nicht. Und flutsch, ist Euch das Mädel entwischt, einfach verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt, in irgendeinem Hauseingang, Laden, auch Kirche. Oder es taucht gar nicht erst auf. Dann steht ihr dumm da. Die ganze Mühe war vergebens.“ „Was hilft dagegen?“, wollte Bernheim wissen. Didi dozierte: „Teil zwei der Strategie: Systematisch das ganze Schachbrett durchkämmen von a1 bis h8, einmal in der Länge und einmal in der Breite, Straße für Straße. Das ist flächendeckend und ihr findet garantiert die gewünschte Holde. Sie kann Euch überhaupt nicht entkommen.“ „Und dann?“ „Dann kommt die Beurteilung der Stellung. Wo steht die Dame, wo der König? Ist die Dame ausreichend gedeckt? Ist sie anfällig für Kombinationen? Stehen eventuell vergiftete Bauern im Weg?“ „Vergiftet?“, fragte Bernheim. Didi antwortete: „Alles schon vorgekommen. Man glaubt, der freundliche Zeitungsverkäufer, dem man eine Zeitung abkauft, um weltmännisch und nonchalant zu erscheinen, sei ein harmloses Bäuerlein, das man mal eben ungestraft, quasi en passant, schlagen könnte. Dabei verbirgt sich in der Larve seiner harmlosen Erscheinung ein Spion des Königs – vergiftet eben.“ Bernheim fragte: „König? Wer ist das?“ Didi: „Der Ehemann, Verlobte oder sonst jemand, der deine Absichten durchkreuzen könnte. Der ist erst matt, wenn du seine Dame erobert hast.“ Bernheim warf ein: „Das ist mir alles viel zu kompliziert, ich bin von Haus aus Skatspieler.“ „Dann kommt die Taktik ins Spiel“, fuhr Didi fort. „Druck auf die schwachen Punkte der gegnerischen Stellung ausüben, Doppelangriff, Zwischenzug, Ablenkung, Überlastung, Röntgenangriff, Fesselung, aufgedeckter Angriff – das ganze Programm, wenn nötig.“ „Frauen sind doch keine Schachfiguren“, sagte Bernheim. Didi lachte: „Nein, sind sie nicht. Gerade deshalb ist dieses Spiel in drei Dimensionen reizvoller, als auf dem zweidimensionalen Brett.“ Bernheim sagte: „Wenn da mal nicht noch eine vierte Dimension im Spiel ist.“ Eine Glocke tönte: bim, bim, bim. Die Mittagspause war zu Ende. Licenciado Ricardo Beñavides, der Moderator, rief die Teilnehmer der Veranstaltung zur nachmittäglichen Fortsetzung des Seminars. Dessen Thema hieß: „Kolonistenfrauen und ihre strategischen Rollenerwartungen in kleinbäuerlichen Produktionszusammenhängen, insbesondere die Agroforstwirtschaft betreffend“. Im Laufe des Vormittags war man sich darüber einig geworden, dass dringend etwas getan werden müsste, und hatte mit Hilfe von beschriebenen Kärtchen einen wunderbaren Problembaum entworfen, fein verästelt. Nun, am Nachmittag wollte man aus den Ästen dieses Baumes präzise Ziele, angestrebte Ergebnisse und durchzuführende Aktivitäten ableiten. Am nächsten Vormittag sollte dann ermittelt werden, was das kosten würde. Unter den Teilnehmern gab es sogar einige Kolonistenfrauen. Die sympathischen Damen hieben wacker in das zweimal täglich gereichte ‚refrigerio‘ und das mittägliche üppige ‚almuerzo‘. Ansonsten verhielten sie sich ruhig, höflich und diszipliniert und blieben in den Pausen zumeist unter sich. Kolonistenmänner waren nicht eingeladen, ‚damit sie die Frauen nicht unterdrücken oder beeinflussen‘ konnten. Die übrigen Seminaristen waren einheimische urbane Jungakademikerinnen aus der Landeshauptstadt Quito, ausländische, zumeist männliche, Entwicklungsbeflissene und lokale Politiker, sämtlich Männer. Zusammen waren es dreißig bis vierzig Personen. Und so, behauptete jedenfalls Didi der Schachspieler, würde es kaum auffallen, wenn einer fehlen würde, nämlich er. Denn er hatte Dringenderes zu tun, als seinen Senf zu Strategien agroforstlichen Rollenverhaltens zu geben. Er wollte Bernheim beweisen, dass seine, Didis, Damengambit-Strategie und -Taktik zwingend zum Erfolg führen musste. Unterhalb der Radarschwelle des Lizenziaten Beñavides entwich er, noch bevor alle Teilnehmer Platz genommen hatten. Das Seminar nahm nun Fahrt auf. Die Stirnseite des Seminarraumes war mit mehreren mobilen Korkwänden vollgestellt. An die pinnte der Moderator von den Seminarteilnehmern mit Filzstift beschriebene Kärtchen, nachdem er sie für gut befunden und vorgelesen hatte. Auf einer dieser Wände konnte man gut den Problembaum erkennen. Ricardo hatte es tatsächlich geschafft, dass da kein Problemwald entstanden war, was bei dem feuchttropischen Klima des Seminarortes kein Wunder gewesen wäre. Die anderen Wände füllten sich nach und nach mit den bunten Kärtchen. Die braven kleinbäuerlichen Kolonistenfrauen taten sich schwer, denn ihre Hirne und Hände waren nur für harte und produktive Arbeit geeignet. Auch hielten sie das lange tatenlose Herumsitzen kaum aus. Einige drohten deshalb einzuschlummern. Gottlob griffen Ihnen beim Formulieren und Ausfüllen der Kärtchen ihre urbanakademischen Geschlechtsgenossinnen gewandt und solidarisch unter die Arme. Die internationalen Entwicklungsbeflissenen waren in ihrem Element. Ein unablässiger Strom von eng beschriebenen Karten wälzte sich von ihren Tischen gegen die Korkwände, fast die Beiträge der anderen Fraktionen ertränkend. Der Lizentiat hatte Mühe, die Fluten zu kanalisieren. Die Lokalpolitiker hingegen waren gewohnt, zu reden und nicht zu schreiben. Entsprechend dürftig fielen ihre Beiträge aus, was sie aber nicht kümmerte. Hauptsache, ihre Teilnahme wurde in der lokalen Presse erwähnt und das Geld würde eines nicht zu fernen Tages fließen. Mit Wohlwollen betrachteten sie die Kolonistenfrauen und die urbanen Jungakademikerinnen und freuten sich auf das abendliche, gemütliche Beisammensein. Noch bevor der Lizenziat zum nachmittäglichen ‚refrigerio‘ rief, war Didi, schachlich gesehen, bereits bei f5 angekommen. Dort fand er die Dame. Sie trat, bepackt mit Einkäufen, aus einem Gemischtwarenladen. Mittleren, straffen Wuchses, mittleren Alters, aber noch weit von der Menopause entfernt, fiel sie angenehm ins Auge. Geschmeidige Bewegungen, olivfarbene Haut, hüftlanges, offenes, schwarzes Haar, lebenserfahrene Fältchen um den vollen Mund und Lachfältchen um die keck blickenden Augen, rundeten die Gesamterscheinung ab. ‚Boah‘, dachte Didi. Dann lief alles wie am Schnürchen: „Na, ist das nicht ein bisschen schwer?“ „Geht so.“ „Haben Sie es noch weit?“ „Nur vier Häuserblocks.“ „Darf ich Ihnen helfen?“ „Meinetwegen.“ Sie reichte Didi zwei der drei prallen Plastiktüten. „Sind sie von hier?“, fragte Didi, dem nichts Besseres einfiel. „Nein, ursprünglich aus General Tipán.“ „Das kenne ich, da habe ich schon mal gearbeitet.“ „Sie sind aber kein Ecuadorianer, oder?“ „Nein, ich bin Deutscher.“ „Was machen sie dann hier in Macas?“ „Seminar, übermorgen reise ich wieder ab.“ „Oh, schade.“ „Warum schade?“ „Ach, nur so.“ Und in dieser Art ging es weiter, bis sie stehenblieb und sagte: „So, jetzt müssen wir uns trennen, ich bin gleich zu Hause.“ „Warum soll ich ihnen die Tüten nicht bis zu ihrem Haus bringen?“ „Weil mein Mann zu Hause sein könnte. Er wollte heute oder morgen von seiner Dienstreise zurück sein. Er ist Polizist und hat in Bomboiza zu tun. Mein Mann ist sehr eifersüchtig.“ Diesmal war es an Didi, „schade“ zu sagen. Dann fragte er: „Und wenn er heute noch nicht gekommen ist?“ „Wenn er bis um drei Uhr nicht hier ist, kommt er morgen vormittag. Der Bus fährt nur zweimal am Tag.“ „Dann hätten wir ja den ganzen Nachmittag und Abend bis in die Nacht“, sagte Didi. „Was fällt ihnen ein?“, sagte die Dame, nahm ihm die beiden Tüten ab und deutete auf eine mächtige Moretepalme, die zwischen den Holzhütten aufragte. „Die Morete steht genau vor meinem Haus“, sagte sie. „Wenn das Fenster offensteht, ist mein Mann nicht da und du kannst reinkommen. Dreh aber erst eine Runde, bis ich angekommen bin.“ Dann entschwand sie in Richtung Palme. Bernheims Beiträge wider den Problembaum waren bisher eher spärlich. Das lag nicht nur daran, dass er die ganze Veranstaltung als grandiosen Humbug empfand, sondern auch daran, dass er dauernd an die vergifteten Bauern denken musste. Er verbrauchte viel Zeit und Energie mit dem Formulieren einer, wie er sie für sich nannte, ‘ultimativ synoptischen’ Aktivität. Diese sollte, inspiriert von Didis Bauern, insofern ‚vergiftet‘ sein, als sie, scheinbar seriös daherkommend, den gesamten verlogenen Geist und Inhalt des im Seminar Erarbeiteten auf engstem Raum zusammenfasste. Sie sollte als gewaltige Axt erscheinen, unter deren wuchtigen Hieben der Problembaum einknicken würde. Nach dem ‚refrigerio‘ – er hatte sich drei Tassen Kaffee hinter die Binde gekippt – ging sein Schaffen flott voran. Die ultimative Synopsis passte auf drei Karten, die er mit Klebeband zusammenheftete. Als er fertig war, reichte er sein Werk mit kühnem Blick dem Lizenziaten Ricardo Beñavides. Der las es laut vor, wobei er sich einige Male verhaspelte. Die Aktivität lautete: „Einen kontinuierlichen Prozess zur Förderung der Entwicklung von Strategien für die Planung der Strukturierung von Maßnahmen einleiten, die eine Politik der Unterstützung der Beteiligung an der Festlegung von Kriterien bezüglich Priorisierungsnormen für Mechanismen zur Abstimmung von Vorschlägen erleichtern, die die nachhaltige Handhabung der Stärkung der interinstitutionellen Koordinierung betreffen.“ Im Seminarsaal herrschte Totenstille. „Interessant“, sagte der Moderator und pinnte das Konvolut an die Korkwand, wobei eine der Karten der Kolonistenfrauen sich löste und folgenlos zu Boden segelte. Das war nicht schade, denn auf der Karte stand in ungelenken Buchstaben, was ohnehin jeder wusste: „Weniger Korruption!!!“ Nach einem leichten Räuspern machte der gute Beñavides weiter, als wäre nichts geschehen. ‚Ein Vollprofi‘, dachte Bernheim und freute sich auf das Wiedersehen mit seinem Schachtutor und die Schilderung dessen Abenteuers. Didi hatte indessen, wie befohlen, eine Runde um den Häuserblock gedreht, mühelos die Morete gefunden und stand nun auf der dem Heim seiner Dame gegenüberliegenden Straßenseite vor einem Kiosk. Er fläzte sich an den Tresen und bestellte weltmännisch, nonchalant und aus Tarnungsgründen ein Bier. Dann peilte er die Lage. Aha, das Fenster war offen. Das hieß also: ‚Nix wie rein‘. Moment, der Fensterflügel zeigte nach draußen. Sollte das etwa heißen: ‚draußen bleiben‘? Verflixt, wie war das noch? Rein oder raus? ‚Das kommt davon, wenn man sich von schönen Frauen den Kopf verdrehen lässt, nur noch Nebel in der Birne‘, dachte er. Diese Einsicht half ihm aber nicht weiter. In der Hoffnung, dass ihm die Erleuchtung schon noch zuteil werden würde, trank er sein Bier aus und bestellte ein Neues. Nach dem dritten Bier ließ die Erleuchtung noch immer auf sich warten, aber sein Harndrang nicht. Als er aus dem Hinterhof der Kioskhütte wieder nach vorne kam, sah er, dass das Fenster geschlossen war. Jetzt ging ihm ein Licht auf. Sie hatte sich für ihn gebadet und fein gemacht, deshalb der abweisende Fensterflügel. Nun war sie fertig und bereit, ihn zu empfangen, deshalb das Fenster geschlossen, was Sicherheit und Geborgenheit signalisierte. Er zahlte sein Bier und ging noch einmal um den Häuserblock. ‚Röntgenangriff, wie wir Schachspieler sagen‘, dachte er sich und drang dann frohen Herzens in das Haus der Auserwählten. Beim gemeinsamen Abendessen der Seminaristen würdigte der sonst so joviale Lizenziat Bernheim keines Blickes. Auch vonseiten der internationalen Entwicklungsbeflissenen schlug ihm eine eisige Atmosphäre entgegen. Mit den Kolonistenfrauen und Lokalpolitikern hingegen unterhielt er sich prächtig. Als Bernheim zu seiner mit Didi dem Schachspieler gemeinsam bewohnten Cabaña ging, um sich vor dem abendlichen, gemütlichen Beisammensein frischzumachen, bemerkte er, dass die Tür nicht abgeschlossen war. Im Waschraum fand er Didi, der über das Waschbecken gebeugt eine blutende Platzwunde über dem rechten Auge auswusch. Er sah mit geschwollenen Augen und dicker Oberlippe Bernheim an und sagte nichts. Bernheim fragte nonchalant: „Vierte Dimension?“Schachmatt

Hinterlasse einen Kommentar