Enthaltung


von Ekke Karl
Andreas stand schweißüberströmt vor dem Geldautomaten. Der riesige Mangobaum vor der Bankfiliale am Opernplatz spendete Schatten, aber die Luft war heiß, klebrig und hing bewegungslos zwischen den algenbewachsenen Häusern. Drei, sieben, zwei, sechs, acht. Der Bankautomat wollte nicht. Ach so, umgekehrt – acht, zwei, sechs, drei, sieben. Man wurde doch ganz wirr im Kopf von dieser Hitze. Wieder nichts. Andy benötigte das Geld dringend. Er musste seine Rechnung im Opernplatzcafé bezahlen und dann das Taxi, welches ihn mit Josilene zu seiner Wohnung bringen würde. Warum zum Teufel akzeptierten die keine Kreditkarten? Josilene saß an einem Tisch am Rande der Caféterrasse. Sie hatte die wohlgeformten Beine übereinandergeschlagen und löffelte ihr Sorvete. Er sah von der anderen Straßenseite zu ihr hinüber. Sie winkte und warf ihm eine Kuss-Hand zu. ‚Warum müssen immer alle Mädels von Belém Speiseeis in rauen Mengen vertilgen, bevor sie sich einem hingeben?‘, fragte er sich. Dann dachte er: ‚Na ja, immer noch besser als Handtaschen oder Schuhe‘ und tippte ein: sieben, drei, sechs, zwei, acht. Der Bankautomat teilte ihm mit, dass nach nunmehr dreimaliger falscher Eingabe des PIN seine Kreditkarte für vierundzwanzig Stunden gesperrt sei. Verdammt! Also musste er jetzt zurück zum Operncafé gehen und Josilene klarmachen, dass sie ihr Eis selbst zahlen müsste, und leider auch seins. Somit wäre der Sonntag garantiert im Eimer. Andreas wollte den schweren Gang antreten und wartete am Bordstein auf eine Gelegenheit zum Überqueren der Straße. Aus einem in der Nähe parkenden, nagelneuen BMW stiegen zwei gut gekleidete Männer und zerrten ihn auf den Rücksitz des Fahrzeugs. Einer der beiden erstickte seinen Widerstand durch das Vorzeigen einer großkalibrigen Pistole und setzte sich neben ihn. Der andere setzte sich ans Steuer und schleuste die Limousine in den fließenden Verkehr. ‚Die perfekte Zechprellung‘, dachte Andreas. Dann dachte er: ‚Wie komme ich aus dieser Nummer heil raus?‘ Aus seinen weiteren Gedanken, die entgangenen Freuden mit Josilene betreffend, riss ihn die Forderung seines Sitznachbarn: „Alles Geld her und die Kreditkarte.“ Andreas kramte in den Hosentaschen und förderte drei Real und fünfundsiebzig Pesos zutage. Sein Entführer schlug ihm die Münzen mit dem Lauf seiner Pistole aus der Hand und schrie: „Die Scheine und die Kreditkarte.“ „Das ist alles Geld, das ich habe, und hier ist die Kreditkarte“, sagte Andreas mit zitternder Stimme und reichte dem Pistoleiro das Kreditkartenetui. „Lüg nicht, ich warne dich, wo ist das Geld?“, zischte der Bewaffnete und setzte ihm die Pistole an die Schläfe. Schlotternd kehrte Andreas das Innere seiner Hosentaschen nach außen. Zum Vorschein kamen nur seine Hausschlüssel und sein Taschentuch. „Hemd aus!“, befahl der Mann. Aus der Brusttasche des Hemdes zog er einen Kugelschreiber und ein Notizbüchlein. „Nichts“, sagte er zum Fahrer und warf Schlüssel und Taschentuch aus dem offenen Seitenfenster des BMW. Notizbuch, Kugelschreiber und Hemd landeten auf dem Beifahrersitz. ‚Schade um das Taschentuch‘, dachte Andreas. Das könnte er jetzt gut gebrauchen, um den Angstschweiß zu trocknen, der ihm, gemischt mit dem Klimaschweiß, in Bächen herunterlief. „Hose runter“, sagte der Pistoleiro und verstärkte den Druck an der Schläfe. Andreas war froh, heute eine frische Sonntagsunterhose angezogen zu haben, nicht zuletzt in Erwartung eines erfolgreichen Verlaufs des Stelldicheins mit Josilene. Er zwängte sich also, von seinem Sitznachbarn hilfreich unterstützt, aus seinem Beinkleid. ‚Er ist abgelenkt. Jetzt könnte ich ihm die Pistole entreißen und die Drecksbande abknallen‘, fuhr ihm durch den Kopf. Dann fiel ihm ein: ‚Du sollst nicht töten.‘ Und dann: ‚Das könnte ja auch schiefgehen.‘ „Nichts“, rief sein Sitznachbar. „Sag uns den PIN“, befahl der Fahrer. „Habe ich vergessen“, sagte Andreas. Der andere hieb ihm den Kolben der Pistole auf den Schädel. „Kannst du dich jetzt erinnern?“, fragte er mit zärtlichem Schmelz in der Stimme. „Deswegen habe ich ja kein Geld“, heulte Andreas. „Ich habe den verdammten PIN vergessen. Der Bankautomat hat nichts rausgerückt.“ „Was ist mit dem Notizbuch? Steht da der PIN drin?“ „Nein, sonst hätte ich ja dort nachgeschaut.“ Der Fahrer drehte sich kurz um und fragte: „Plan B?“ „Plan B“, bestätigte der Pistoleiro. Der BMW hatte inzwischen die Ausfallstraße nach Ananindeua erreicht und beschleunigte. Von der Platzwunde an Andreas’ Kopf tropfte Blut auf die sonntägliche Unterhose. Sein Bewacher griff sich das Hemd vom Beifahrersitz, reichte es Andreas und sagte: „Hier, damit du uns nicht das Auto versiffst.“ Andreas gehorchte und wischte mit dem Hemd das Gemisch aus Blut und Schweiß von Kopf, Hals, Oberkörper und Unterhose. Danach sah er nicht besser aus. Sie hatten inzwischen das Waldgebiet erreicht, das Ananindeua von Belém trennte, und bogen auf einen fast zugewachsenen Weg ein. Als ein Weiterfahren kaum noch möglich war, hielt der Fahrer den Wagen an, schnitt das blutverschmierte Hemd in Streifen und knotete sie zusammen. Mit Hilfe seines Spießgesellen band er Andreas’ Hände zusammen. Dann führten sie ihn ein gutes Stück in den sumpfigen Wald und fesselten ihn an eine Acaípalme. Sie bauten sich in einer Entfernung von drei Schritten vor ihm auf. Die Pistole zielte auf seine Brust. „Plan B“, sagte der Fahrer. „PIN“, sagte der Bewaffnete. „Acht, sieben, drei, sechs, zwei“, krächzte Andreas. „Wiederhole“, sagte der Fahrer, zückte Andreas’ Notizbuch, sowie den Kugelschreiber und schrieb mit. „Acht, sieben, drei, sechs, zwei.“ „Na also“, sagte der Pistoleiro. „Wenn das stimmt, kommen wir zurück und lassen dich frei. Wenn das nicht stimmt, kommen wir auch zurück und machen dich kalt.“ Um Hilfe brauchst du nicht zu rufen. Hier hören dich nur die Frösche. „Acht, sieben, drei, sechs, zwei“, heulte Andreas. Seine Begleiter verschwanden. Andreas brüllte: „Ajuda (Hilfe), aaajuuuuudaaaaa“, bis er heiser wurde. Dann dämmerte es. Mit dem Abend kamen die Mücken – viele durstige Mücken. Gegen Mitternacht gelang es ihm, die Fessel zu lösen. Wie durch ein Wunder fand er den Weg zurück. Zum Glück hatten sie ihm die Sandalen gelassen, sodass er auf der Straße in Richtung Belém gut vorankam. Er winkte verzweifelt den vorbeifahrenden Autos. Niemand hielt an, bis sich schließlich eine Polizeistreife seiner annahm. Er verbrachte den Rest der Nacht auf der Polizeistation. Dort lernte er, dass er mitnichten ein Sonderfall war. Derartige Überfälle an Bankautomaten kamen praktisch täglich vor. Am Montagmorgen schließlich konnte Andreas mit Hilfe des Hausmeisters in seine Wohnung einbrechen. Bis zum Mittwochabend hatte er seine dringendsten Angelegenheiten erledigt, als da wären: Kreditkarte sperren, Platzwunde versorgen lassen, Türschloss ersetzen, Handtasche für Josilene besorgen. Am Donnerstag nahm er teil an der Sitzung des Präsidiums der zivilgesellschaftlichen Organisation ‚Justiça e progresso‘ (Gerechtigkeit und Fortschritt) in seiner Eigenschaft als stellvertretender Vorsitzender. Es ging diesmal um das Thema: ‚Faire Vollzugsmaßnahmen = weniger Delinquenz‘. Marcileide, die Vorsitzende, stellte einen Antrag. Der lautete: ‚Justiça e progresso‘ wirbt auf dem internationalen Spendenmarkt Finanzmittel ein, die für noch näher zu bestimmende Rehabilitationsmaßnahmen für einsitzende Gewaltstraftäter eingesetzt werden.’
Dieser Antrag wurde nach kurzer Erörterung ohne Gegenstimme angenommen. Nur Andreas enthielt sich, was allgemeine Verwunderung erregte.

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